Der Dokumentartheatermacher Georg Genoux
erhält den Lessing-Förderpreis des Landes
Sachsen bei gleichzeitiger Streichung der Mittel
für seine Arbeit.
Erschienen in: Theater der Zeit
"Radikal anders – Kulturhauptstadt Chemnitz"
(12/2024)
Angstlos! Heimatlos?

von Viola Hasselberg
Georg Genoux ist ein Regisseur und Künstler, der Geduld kultiviert und dem klar ist, dass das, was er tut, nur zum Preis einer völligen Erschöpfung zu haben ist. Diese Erschöpfung schreckt ihn aber nicht, denn sie ist meistens ein Zeichen für eine Pause, aus der sich auf seinem Weg immer wieder die Möglichkeit ergeben hat, ganz woanders neu anzufangen undsich selbst trotzdem treu zu bleiben.
Diese Kraft und „Beharrungsresistenz“ ist schon ziemlich außergewöhnlich. Aktuell ist Georg Genoux künstlerischer Leiter des sozio- theatralen Thespis Zentrums am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen und kuratierte dort von 2022 - 2024
zusammen mit der Bühnenbildnerin Anastasia Tarkhanova das Festival
“Willkommen Anderswo”.
Im Januar 2025 wird ihm der „Lessing Förderpreis“ des Freistaates Sachsen verliehen. Gleichzeitig werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Jahresende seine kompletten künstlerischen Mittel für das „Thespis- Zentrum“ gestrichen nicht weiter bewilligt, so dass diese modellhafte und existentiell wichtige Arbeit in Bautzen nicht fortgesetzt werden kann. Anerkennung und Kahlschlag in einem Atemzug!
Eigentlich wollte Genoux die Leitung des Thespis-Zentrums an drei Frauen (eine
Ukrainerin, eine Kurdin aus dem Libanon Libanesin und eine Rentnerin aus Bautzen)
übergeben und sich selbst in die zweite Reihe des Teams zurückziehen, nachdem er rund zehn Inszenierungen verantwortet hat.
Wenig sichtbaren Perspektiven eine Möglichkeit zum Ausdruck geben, sie in einen künstlerischen und menschlichen Dialog bringen, dafür bietet Genoux am Deutsch-Sorbischen Volktheater eine Heimat. Für viele, die sich hier künstlerisch betätigen, gibt es kein anderes Asyl in der Stadt, die Tür des „Thespis Zentrums“ steht immer offen.
2018 kehrte Genoux nach zwanzig Jahren in Russland, Bulgarien und in der Ukraine nach Deutschland zurück und erkundete auf eigene Faust in Sachsen ein ihm völlig unbekanntes Land. Als „Wessi“ saß er monatelang in der Dorfkneipe von Hagenwerder bei Görlitz, führte Gespräche mit Menschen, beobachtete und spann das Konzept für sein Filmprojekt bzw. für die Inszenierung “Das Land, das ich nicht kenne”, die am Theater Zittau zur Premiere kam. Von hier aus engagierte ihn der Intendant Lutz Hillmann für Bautzen.
Genoux hat die Fähigkeit, mit Menschen eine Verbindung aufzubauen, deren Meinung er nicht teilt (Nazis, AfD-Anhänger), ohne sich vor ihnen zu verstellen. Plötzlich sitzen
Menschen gemeinsam auf seiner Bühne, von denen man befürchtet, dass sie sich
gegenseitig - oder ihm den Kopf einschlagen. Sein Raum der Kunst hebelt die Wirklichkeit aus bzw. transformiert sie in etwas Drittes, oft mit Humor oder Poesie.
„Ich erlebe hier eine große Gefahr durch Rechtsradikalität und gleichzeitig die gutmütigsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich in Deutschland kennengelernt habe. Leider vereinen sich in vielen Menschen oft beide Seiten. Hier habe ich das Gefühl, durch Theater wirklich etwas für und mit Menschen bewegen zu können. Das ist etwas sehr Kostbares“, sagt Genoux über Sachsen. Woher kommt diese Liebe zu gewöhnlichen Menschen, die Angstlosigkeit, sich tief in ihre Konflikte einzulassen?

1998 verließ Genoux das vor sich hindämmernde Helmut-Kohl-Deutschland, um alsZivildienstleistender in einer alternativen Schule in der Raketenbau-Stadt Zhukovski nahe bei Moskau ins eigene Leben zu starten: „Es gab einen „unglaublichen Aufbruch, viel Enthusiasmus, und eine riesige Meinungsvielfalt“, berichtet Genoux über das damaligeRussland. Er landet schnell an der Staatlichen Akademie der Theaterkünste (GITIS) in Moskau und beginnt Regie zu studieren, wird vom charismatischen Künstlerpaar Elena Gremina und Michail Ugarov „adoptiert“ und gründet mit ihnen 2002 das später international erfolgreiche Teatr.doc.
Sie arbeiten in einem Keller, in dem alles gesagt werden darf, produzieren ohne staatliche Förderung, Gremina und Ugarov setzten ihr mit TV-Serien verdientes Geld ein. Es gibt Stücke über massenhafte Vergewaltigungen in Familien, über im Gefängnis verstorbene politische Häftlinge. „Die Realität in Moskau wurde immer unwirklicher, aber in diesem kleinen Keller gab es auf einmal die Wirklichkeit und Realität auf der Bühne im Theater“. “Theater, in dem nicht gespielt wird” war der Slogan vom Teatr.doc.
Genoux macht seine Diplominszenierung am GITIS, „Zeitnot“, über heimkehrende Soldaten aus dem Tschetschenienkrieg, die erste diplomierte Dokumentartheaterinszenierung überhaupt an diesem Institut. Und er hat großen Erfolg. Gemeinsam mit den Psychologen Elena Margo und Arman Bekenov entwickelt er 2005 das interaktive Theaterprojekt “Demokratia.doc”, das in ungezählten Aufführungen bis 2013 in Form von Rollenspielen mit Menschen aus dem Publikum dokumentiert, was Menschen in ihrer jeweiligen Situation der Demokratie in Russland bewegt. Die Arbeit wird zum Dokument des Ermüdens und Verschwindens der Demokratie unter Putin.
Genoux macht weiter mit sogenannten „Erinnerungsdramen“ (Drama Pamjati), untersucht traumatische Ereignisse in der sowjetischen Geschichte. Das Sacharow-Zentrum, die Organisation „Memorial“ und das NCCA (National Center of Contemporary Art) sind wesentliche Partner.
Genoux hat immer noch Erfolg, obwohl es gefährlicher für Künstler in Russland geworden ist, aber er verspürt eine große Entfremdung, Zynismus und Opportunismus, und verlässt 2012 das Land. Auf Einladung seiner guten Freundin Vasilka Bumbarova gelangt er nach Bulgarien, wo er – bald als künstlerischer Leiter - mit dem Theaterkollektiv Replica in Sofia drei Jahre lang Projekte realisiert. Die Arbeit im Kollektiv heilt ihn von der Erschöpfung der letzten Jahre in Putin- Russland. Als sich Erfolg einstellt, befallen Genoux jedoch wieder innere Zweifel.
Er verlässt Bulgarien, um 2014 in der Ukraine neu anzufangen. Dort hat sich durch die Unruhen auf dem Maidan und dem Krieg im Donbass alles verändert. Mit der Autorin Natalka Vorozhbyt reist er in den Donbas, um in der gespaltenen, kleinen Stadt Nikolaivka eine zerstörte Schule wieder aufzubauen. Die Inszenierung “Mein Nikolaivka” entsteht, aus der später der Film “School Nr. 3” entwickelt wird. Ihr Theater nennen Genoux und Vorozhbyt “Theatre of Displaced People”, sie machen in Kyjiw und im Donbas Theater mit Schüler*innen und Bürger*innen. Der Kriegspsychologe Oleksii Karachynskyi unterstützt sie, im Winter kann man schwer heizen, Geld verdient keiner, aber das Goethe Institut in Kyjiw ist eine wertvolle Unterstützung. Irgendwann wird die psychische Belastung zu viel, aber Genoux betreibt noch bis Anfang 2022 gemeinsam mit dem ukrainischen Theatermacher Den Humenny und der russischen Künstlerin Anastasia Tarkhanova das soziotheatrale Theaterprojekt “Misto to Go” im Donbas.
Seit 2018 hat er die Ukraine verlassen, in Richtung jenes ihm „unbekannten
Landes“, von dem am Anfang dieses Textes die Rede war.
