Wie lebt man weiter, wenn die Welt, an die man geglaubt hat, verschwunden ist? Gedanken über Ex-East Theaterprojekt in Magdeburg.
Ex-East
Geschichte
Text von Georg Genoux

Foto von Anastasia Tarkhanova aus Słubice an der deutsch-polnischen Grenze, July 2026.
Magdeburg beschäftigt mich seit vielen Jahren.
Diese Stadt ist mehrmals untergegangen und jedes Mal eine andere geworden. 1631 wurde sie im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig zerstört. Die Verwüstung war so tief, dass „magdeburgisieren“ in Europa über lange Zeit zum Synonym für die Vernichtung einer Stadt wurde. Im Zweiten Weltkrieg lag Magdeburg erneut in Trümmern. Danach gehörte sie vier Jahrzehnte zu einem Staat, der verschwand. Heute leben hier Menschen, deren Geschichte häufig erzählt wird, die aber oft das Gefühl haben, dass ihre eigene Stimme darin kaum vorkommt.
Deshalb denke ich bei Magdeburg weniger an Vergangenheit als an eine Erfahrung, die viele Menschen in Europa miteinander verbindet.
Wie lebt man weiter, wenn die Welt,
an die man geglaubt hat, verschwunden ist?
Diese Frage führt mich immer wieder zu denselben Menschen. Zu einer Ukrainerin, deren Heimatstadt zerstört wurde. Zu einem Serben, der mehr als einmal erlebt hat, dass sein Land verschwand. Zu einer Ostdeutschen, deren Staat nicht mehr existiert, deren Erinnerungen aber geblieben sind. Zu einem Bulgaren, der nach 1989 in einer anderen Wirklichkeit aufwachte. Und zu einer Generation, die all diese Geschichten geerbt hat.
Sie begegnen sich selten. Trotzdem teilen sie eine Erfahrung.
Vergangene Welten verschwinden nicht. Sie bleiben in Familien, in Landschaften, in Hoffnungen und Verletzungen. Sie bestimmen politische Entscheidungen ebenso wie private Beziehungen. Wer heute über Europa sprechen will, kommt an diesen Erfahrungen nicht vorbei.
Aus diesem Gedanken ist EX-EAST entstanden.
Ich verstehe Theater als einen Ort, an dem Menschen Wirklichkeit gemeinsam untersuchen können. Nicht durch Debatten, sondern durch Begegnungen. Nicht durch fertige Positionen, sondern durch gemeinsame Arbeit. Im Probenraum wird die Geschichte des anderen nicht bewertet. Sie wird erzählt, hinterfragt und ausgehalten. Daraus entsteht Vertrauen. Und manchmal entsteht daraus auch eine neue Vorstellung von Zukunft.
Magdeburg ist dafür ein besonderer Ort. Die Stadt trägt die Erfahrung mehrerer untergegangener Welten in sich und blickt gleichzeitig nach vorn. Gerade deshalb eignet sie sich als Ausgangspunkt eines europäischen Gesprächs.
EX-EAST folgt diesem Gespräch. Es führt durch die Ukraine, Polen, Bulgarien, Ostdeutschland und andere Regionen Europas. Es verbindet Künstlerinnen und Künstler, Jugendliche und Partnerinstitutionen, die ihre Erfahrungen miteinander teilen und daraus neue Formen des Theaters entwickeln.
Mich interessiert dabei nicht Osteuropa als geografischer Raum. Mich interessiert die europäische Erfahrung, nach dem Ende einer vertrauten Welt weiterleben zu müssen. Darin liegt eine der großen Fragen unserer Zeit.
