Haltestelle
Ex-East

Ein Text von Georg Genoux darüber, wie im Moritzhof Magdeburg eine Bushaltestelle entstanden ist, an der die Besucher*innen auf eine Reise in die Vergangenheit gehen und diese verändern können.
 
 
 

Bild von Anastasia Tarkhanova 

Seit 7 Tagen kann man auf dem Moritzhof die Vergangenheit verändern.
Ich freue mich immer mehr, dass Anastasia Tarkhanova und ich diese kleine EX-EAST Haltestelle gebaut haben.


Menschen kommen in unsere Haltestelle, ziehen ein Jahr, schreiben einen Antrag – und plötzlich liegt ein ganzes Leben auf einem kleinen Blatt Papier.


Am zweiten Tag schrieb ein älterer Mann:
„Ich hätte meine Frau gerne behalten.“


Sie ist im vergangenen Jahr gestorben.


Eine ältere Frau schrieb, sie sei damals zu spät gekommen, um ihre Mutter noch einmal lebend zu sehen:
„Ich hätte gerne noch eine Stunde mit meiner Mutter verbracht.“


Es folgt eine große persönliche menschliche Geschichte.


Mehrere Menschen wollen verhindern, dass Hitler an die Macht kommt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser Wunsch gerade jetzt in Sachsen-Anhalt so oft auftaucht.
Und immer wieder kommt die Wende.


Menschen schreiben, dass die deutsche Einheit anders hätte verlaufen müssen. Behutsamer. Gerechter. Mit mehr Respekt vor dem Leben, das vorher da war.


Bei jeder Reise mit jedem Zeitreisenden entsteht mit großer Spannung. Ich befinde mich mit diesen Menschen in einem sehr kleinen Raum. Viele Magdeburger wirken zunächst ruhig, gefasst, manchmal beinahe sachlich. Dann fällt ein Satz über 1989 oder 1990 – und plötzlich verändert sich etwas. Man spürt eine Erschütterung, die nach 36 Jahren noch immer da ist.


Geschichte ist erstaunlich schlecht darin, Geschichte zu werden.


Natürlich gibt es in unserem Ministerium auch Bürokratie. Eine Veränderung der 

Vergangenheit wird nicht einfach so genehmigt. Man muss eine Folgenkarte ziehen. Denn auch die beste Absicht hat Folgen. Wer bereit ist, diese zu tragen, bekommt den Stempel:


ENDGÜLTIG: GESCHICHTE GEÄNDERT.


Danach kommt der Antrag auf unsere Karte 

NEUE GESCHICHTE OSTEUROPAS.


Diese Karte wächst jeden Tag.


Es geschieht etwas, worauf wir sehr gehofft haben: Hier entsteht gerade ein Text über Magdeburg. Geschrieben von sehr vielen Menschen, die einander vermutlich nie begegnen werden.


Diese Sätze werden deshalb in unsere Theaterinszenierung einfließen. Die Menschen aus Magdeburg und der Neustadt werden zu Mitautorinnen und Mitautoren von EX-EAST.


Wir halten an dieser kleinen Haltestelle auf dem Moritzhof für einen Augenblick an, bevor wir weiterfahren.


Zwischen Vergangenheit und Zukunft nur ein Blgatt Papier, ein Stempel – und ein Satz, den ein Mensch endlich einmal aufschreibt.


EX-EAST Haltestelle
im Hof des Moritzhofs Magdeburg


Konzept: Georg Genoux & Anastasia Tarkhanova


Ex-East wird gefördert von @kunststiftung_sachsenanhalt 

und der Stiftung Kloster Unser Lieben Frauen.
#exeast #moritzhof #magdeburg #theater #safespaceagency
 

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