haltestelle

EX-EAST 
Haltestelle
 

Eine Reise in die Vergangenheit, um etwas für die Zukunft mitzunehmen

 

Gedanken über die Notwendigkeit 

einer EX-EAST - Haltestelle 

am Moritzhof in Magdeburg Neustadt

Von Georg Genoux 

Die Vergangenheit in Osteuropa ist dort erstaunlich schlecht darin, vergangen zu sein.

 

Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Osteuropa verbracht und dabei diese sehr prägende Erfahrung gemacht. 

Die Vergangenheit sitzt mit am Küchentisch, taucht in Familiengeschichten auf, bestimmt, welche Sprache jemand spricht, wem er vertraut, welches Land er Heimat nennt und manchmal sogar, auf welcher Seite einer Grenze er morgens aufwacht.

 

Auch Magdeburg kennt diese Erfahrung. Eine Stadt wird zerstört, wieder aufgebaut, lebt vierzig Jahre in der DDR, erlebt deren Verschwinden und findet sich einige Jahrzehnte später in einer Gegenwart wieder, die ihrerseits ziemlich unsicher geworden ist.

 

Mich beschäftigt bei EX-EAST deshalb immer stärker, ob wir die Vergangenheit tatsächlich hinter uns lassen müssen, um in die Zukunft zu kommen oder ob wir nicht doch noch einmal zurück müssen?

 

Dafür haben Anastasia Tarkhanova und ich auf dem Moritzhof eine Haltestelle gebaut.

 

Ab dem 24. August kann man dort in die Vergangenheit reisen. Die technische Ausstattung unserer Zeitmaschine ist überschaubar. Es gibt Karten, Papier, einen Stempel und das MINISTERIUM FÜR VERGANGENE ANGELEGENHEITEN. Für größere Eingriffe in die europäische Geschichte sollte das ausreichen.

 

Man zieht ein Jahr und anschließend einen Bereich: persönlich, gesellschaftlich oder politisch. Dann darf man die Geschichte verändern.

  1. Politisch: Die Berliner Mauer fällt nicht.
  2. Persönlich: Meine Mutter nimmt diese Arbeitsstelle im Westen nicht an.

Danach geschieht etwas, das wir aus der wirklichen Geschichte ziemlich gut kennen. Die Sache entwickelt sich anders als geplant.

Jeder zieht eine Folgenkarte. Plötzlich hat die schöne neue Vergangenheit einen Preis. Eine politische Katastrophe wurde verhindert, dafür existiert die eigene Familie in ihrer heutigen Form nicht mehr. Eine persönliche Entscheidung wurde korrigiert, dafür verliert man etwas anderes. Nun kann man seinen Antrag genehmigen, zurückziehen oder ein einziges Mal neu verhandeln.

Mich interessiert an diesem Spiel der Moment, in dem Geschichte aufhört, etwas zu sein, das anderen Menschen passiert ist, denn aufeinmal sitzt man selbst darin und muss entscheiden.

 

Und mit der Entscheidung verändert sich auch der Blick auf die eigene Gegenwart.

 

Unsere EX-EAST Haltestelle ist deshalb für mich tatsächlich eine Haltestelle. Ein Ort, an dem man für einen Moment aussteigt. Man kommt mit seiner eigenen Biografie, seinen Gewissheiten und seinen Erinnerungen an. Man setzt sich hin, schaut zurück und fährt anschließend weiter.

 

Mich interessiert die Energie, die in diesem kurzen Anhalten entstehen kann.

Wir leben gerade in einer Zeit, in der Zukunft sich wie etwas anhört, vor dem man sich schützen muss. Krieg, Klimakrise, politische Radikalisierung, zerfallende Sicherheiten. Dabei ist Zukunft zunächst etwas sehr Einfaches: ein Raum, der noch nicht fertig ist.

 

Geschichte zeigt uns, wie radikal Menschen ihre Welt verändern können. Sie zeigt leider auch, welchen Unsinn sie dabei anrichten können. Beides ist wichtig.

 

Wer begreift, dass unsere Gegenwart aus Millionen Entscheidungen entstanden ist, kann auch verstehen, dass die Zukunft aus Entscheidungen entstehen wird, die wir heute treffen.

 

Deshalb sammeln wir die genehmigten Änderungen an einer Wand. Nach und nach entsteht dort eine NEUE GESCHICHTE OSTEUROPAS. Eine ziemlich widersprüchliche vermutlich. Aber Widerspruch ist immerhin ein Zeichen von Leben.

 

Und jeder bekommt am Ende ein VISUM FÜR DIE VERGANGENHEIT mit nach Hause.

 

Ich hoffe, dass man noch etwas anderes mitnimmt: Kraft für die Zukunft.

 

 

EX-EAST HALTESTELLE
Interaktive Installation im Hof des Moritzhofs Magdeburg


Eröffnung: 24. August 2026

 

Konzept: Georg Genoux und Anastasia Tarkhanova


Ein Projekt von Agency for Safe Space und Moritzhof Magdeburg.

 

Gefördert von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt und der Stiftung Kloster Unser Lieben Frauen.
 

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